Wingflex nennen Spotter das sichtbare Durchbiegen der Tragflächen nach oben, sobald sie im Flug das Gewicht des Flugzeugs tragen. Besonders deutlich ist es bei der Boeing 787 mit ihren Kohlefaser-Flügeln: Die Flügel „biegen sich nach oben“ – und das ist so gewollt.
Auf einen Blick
- Wingflex ist das elastische Durchbiegen der Tragflächen nach oben, das entsteht, sobald die Flügel im Flug das Gewicht des Flugzeugs tragen.
- Bei der Boeing 787 bestehen die Flügel überwiegend aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff; insgesamt ist die 787 zu rund 50 Prozent (nach Gewicht) aus Verbundwerkstoffen gebaut.
- Im Bruchlasttest am 28. März 2010 bog Boeing die Flügel einer 787 um rund 7,6 Meter (25 Fuß) nach oben – bei 150 Prozent der stärksten im Betrieb erwarteten Belastung.
- Beim Bruchlasttest der Airbus A350 XWB im Dezember 2013 bogen sich die Flügelspitzen um mehr als fünf Meter nach oben.
- Für die Zulassung muss ein Flügel das 1,5-Fache der höchsten im Betrieb erwarteten Last mindestens drei Sekunden lang ohne Bruch aushalten.
Inhalt (7 Abschnitte)
Was ist Wingflex?
Wingflex ist das sichtbare Durchbiegen der Tragflächen nach oben, sobald sie im Flug das Gewicht des Flugzeugs tragen. Am Boden hängen die Flügel durch ihr Eigengewicht, die Triebwerke und den Treibstoff in den Tanks leicht nach unten. Beim Abheben übernehmen sie das gesamte Gewicht – und biegen sich nach oben, bis sie im Reiseflug eine deutlich geschwungene Form haben.
Jeder Flügel macht das, auch aus Aluminium. Bei Flugzeugen mit langen, schlanken Kohlefaser-Flügeln wie der Boeing 787 und der Airbus A350 ist der Effekt aber so groß, dass er vom Fensterplatz und von der Spotter-Wiese aus mit bloßem Auge zu sehen ist. Daher der Spotter-Begriff Wingflex – zusammengesetzt aus dem englischen wing (Flügel) und flex (biegen).
Warum sich Flügel biegen – und warum das gewollt ist
Ein Flügel funktioniert im Prinzip wie ein Balken, der nur an einem Ende eingespannt ist – am Rumpf. Der Auftrieb drückt über die ganze Spannweite nach oben, die größte Biegebelastung liegt deshalb an der Flügelwurzel. Ein absolut starrer Flügel müsste sehr schwer gebaut werden. Ein elastischer Flügel dagegen gibt nach, verteilt die Kräfte und kann Lastspitzen, etwa bei Böen und Turbulenzen, teilweise abfedern.
Auch der Treibstoff spielt mit: Bei Verkehrsflugzeugen liegen große Tanks in den Flügeln. Ihr Gewicht wirkt dem Auftrieb entgegen und entlastet die Flügelwurzel.
Die Biegung ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil der Konstruktion. Ingenieure berechnen, wie sich der Flügel unter Last verformt, und legen die Form so aus, dass er gerade im Reiseflug aerodynamisch günstig steht. Am Boden sieht der Flügel deshalb anders aus als in 11.000 Metern Höhe.
Kohlefaser-Flügel bei Boeing 787 und Airbus A350
Die Boeing 787 war das erste Großraumflugzeug, bei dem Rumpf und Flügel überwiegend aus Verbundwerkstoff bestehen. Laut Boeing setzt sich die Struktur zu rund 50 Prozent aus Verbundwerkstoffen, 20 Prozent Aluminium, 15 Prozent Titan und 10 Prozent Stahl zusammen (nach Gewicht). Die Flügel bestehen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK), nur die Vorderkanten sind aus Aluminium.
CFK ist bei gleichem Gewicht fester als Aluminium und lässt sich so auslegen, dass der Flügel lang, dünn und elastisch wird. Ergebnis: große Spannweite, wenig Widerstand, weniger Verbrauch – und eben ein besonders auffälliger Wingflex. Die Airbus A350 XWB nutzt ebenfalls CFK-Flügel und zeigt einen ähnlichen Effekt. Zusätzlich betonen die gebogenen Flügelspitzen beider Typen die Linie, siehe curved winglets.
Belastungstests: Wie weit sich die Flügel biegen dürfen
Bevor ein Verkehrsflugzeug zugelassen wird, muss es im sogenannten Bruchlasttest (Ultimate Load Test) beweisen, dass die Struktur das 1,5-Fache der stärksten im gesamten Betriebsleben erwarteten Kräfte aushält – mindestens drei Sekunden lang, ohne zu brechen. Dafür wird ein eigens gebautes Testflugzeug in ein Gestell gespannt und hydraulisch belastet.
| Flugzeugtyp | Test | Durchbiegung der Flügel |
|---|---|---|
| Boeing 787 | 28. März 2010, 150 % der Maximallast, über zwei Stunden Testdauer | rund 7,6 Meter (25 Fuß) nach oben |
| Airbus A350 XWB | Dezember 2013, 1,5-fache Maximallast | Flügelspitzen mehr als 5 Meter nach oben |
Diese Werte sind Extremwerte aus dem Labor. Im normalen Flug, auch bei kräftiger Turbulenz, biegen sich die Flügel deutlich weniger. Boeing bestätigte im April 2010, dass die 787 alle Anforderungen des Tests erfüllt hatte.
Für Passagiere und Planespotter
Am besten siehst Du den Wingflex von einem Fensterplatz mit Blick auf die Tragfläche. Achte beim Start auf den Moment, in dem das Bugrad abhebt: Innerhalb weniger Sekunden heben sich die Flügelspitzen sichtbar an. Bei Turbulenzen kannst Du beobachten, wie die Flügel leicht auf und ab schwingen – das ist normal und vom Hersteller so vorgesehen.
Von außen fällt der Wingflex am deutlichsten bei Starts und Landungen von der Seite auf. Ein 787-Flügel, der am Boden fast gerade wirkt, zeigt kurz nach dem Abheben eine klare Kurve nach oben. Bei feuchter Luft kommt oft noch Wingfluff hinzu, die Kondensation über den Flügeln. Den passenden Klang zur 787 beschreibt der Glossar-Eintrag Screamliner; mehr Flügelspitzen-Kunde findest Du bei den Winglets.
Häufige Fragen
Ist es gefährlich, wenn sich die Flügel im Flug biegen?
Nein. Das Durchbiegen ist bei der Konstruktion eingeplant und nötig, damit der Flügel Lasten elastisch aufnehmen kann. Im Zulassungstest müssen die Flügel das 1,5-Fache der stärksten im Betrieb erwarteten Belastung aushalten, ohne zu brechen.
Wie weit biegen sich die Flügel der Boeing 787?
Im Bruchlasttest 2010 bog Boeing die Flügel bei 150 Prozent der maximal erwarteten Belastung um rund 7,6 Meter nach oben. Im normalen Flugbetrieb ist die Durchbiegung deutlich kleiner, aber vom Fenster aus gut zu sehen.
Warum biegen sich die Flügel der 787 stärker als bei anderen Flugzeugen?
Die Flügel der 787 sind lang, schlank und aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff gebaut. Dieses Material erlaubt eine elastische, leichte Konstruktion, die aerodynamisch effizient ist. Dadurch fällt die Biegung stärker auf als bei klassischen Aluminium-Flügeln.
Wo sitze ich, um den Wingflex zu sehen?
Am besten an einem Fensterplatz auf Höhe oder kurz hinter der Tragfläche. Von dort siehst Du beim Abheben, wie sich die Flügelspitzen nach oben bewegen, und im Reiseflug die geschwungene Form.
Verwandte Begriffe
Quellen
- Boeing: Boeing Completes Ultimate-Load Wing Test on 787 (2010)
- Boeing: Boeing Confirms Success on 787 Wing, Fuselage Ultimate Load Test (2010)
- Aviation News: A350 XWB passes ultimate load wing test (2014)
- Wikipedia (EN): Boeing 787 Dreamliner
Stand: 10/2026